Es war einmal vor langen Jahrhunderten, in grauen Vorzeiten, die aber nicht grau, sondern grün waren. Grün die Wiesen, Wälder, Sümpfe und der Dschungel. Wo heute Städte und Menschen sind, da gab es damals Tiere. Auch solche, die es heute nicht mehr gibt.
Mitten unter ihnen Puff, ein Zauberdrachen und sein Freund, ein kleines, weißes Einhorn. Puff hatte einen farbig schillernden Schwanz, der mit stufenförmigen Zacken besetzt war. Aus seinem Rachen konnte er Feuer speien, je nach Lust und Laune in einer anderen Farbe. Er war ungeschickt und trampelig, doch das machte er durch seine Zauberkünste wieder wett. Wenn er etwas zertreten hatte, wedelte er mit seiner Schwanzspitze einmal drüber, und es war wieder heil. Mehr zaubern konnte er nicht. Es reichte auch.
Das kleine, weiße Einhorn war nur so groß wie eine von Puffs Vorderpfoten. Es konnte sich nach Herzenslust an seinen schuppigen Beinen kratzen, und dabei verfingen sich seine
Stirnlocken oft in den Schuppen. Dann schimpfte es, dass der Drache so ungepflegt war. Aber sonst waren beide unzertrennlich. Sie rollten und tollten, das Einhorn galoppierte den Rücken
des Drachen rauf und runter, und gab es mal einen Kampf mit einem Saurier, setzte sich das Einhorn auf den Kopf des Drachen und senkte die Stirn zum Angriff. Der Feueratem, das bohrende Horn und der Stufenschwanz schlugen alle in die Flucht.
So hatten sie nie um ihr Leben zu fürchten. Es gab für sie unzählige Bäume und fettes Gras zum Fressen und einen weißen Badestrand zum Spielen. Nie gab es etwas Wichtigeres als alle ihre Spiele: die Balanceakte des Einhorns auf der Spitze des Stufenschwanzes, das Bäumeausreissen, Anbohren und Verkohlen und das Muschelaufpiecken mit dem gezwirbelten Horn.
Eines Tages kam der große Regen. Es war Noah, der wusste, dass aus dem Regen eine Sintflut werden würde und der darum alle Tiere auf seiner großen Arche retten wollte. Zwei bei zwei führte er die Tiere auf sein Boot. Er vergaß keines: die Elefanten, die Krokodile, die Vögel, die Schlangen, die Löwen und Tiger gingen über den Bootssteg, der von ihren Schritten widerhallte. Bis in den nahe gelegenen Wald drang ihr Brüllen, Schnattern und Dröhnen.
Das Einhorn hob seinen Kopf, das heißt es bohrte ihn aus einem Baum heraus und lauschte. Auch Puff, der emsig den Baum ankohlte, hörte auf Feuer zu speien. Sie galoppierten auf
die Waldschneise und sahen die Arche.
Der Himmel war bleigrau, und unaufhörlich strömte der Regen auf die Erde nieder. Um die
Hufe des Einhorns bildeten sich kleine Seen. Es scharrte unschlüssig im Matsch, stupste den Drachen, und dann stoben beide in den Wald zurück. Noahs beschwörendes Rufen hallte hinter ihnen her.
"Herbei ihr Tiere groß und klein! Steigt alle in die Arche ein!"
Er war ein pflichtbewusster Mensch, und so drängte er den Drachen und das Einhorn, obwohl er Angst hatte, er könnte mit dem Horn das Boot anbohren oder der Feueratem es verbrennen. Doch die beiden meinten, es gäbe noch so viel zu tun. Der zuletzt angebohrte Baum stand erst halbverkohlt in seiner vorsintflutlichen Umgebung.
Und mit Horn und Feueratem führten sie ihr zerstörerisches Werk fort. Noahs Rufen war hier, im tiefen Wald, nicht mehr zu verstehen. Puff peitschte das Wasser um sich herum auf, dass es nur so sprühte. Sie suhlten und sie rollten sich, die nassen Zweige schlugen ihnen um die Ohren.
Doch als das Wasser dem viel kleineren Einhorn bis zum weichen, weißen Bauch reichte, befiel es Furcht. Es kletterte auf Puffs breiten Stufenrücken und ließ sich tragen. Der Zauberdrache bekam eine besorgte Falte auf der Stirn und lief zur Lichtung. Sie sahen die Arche davon schwimmen, überladen mit Tieren. Affen hingen an den Außenwänden und ihre Arme dehnten sich entsetzlich aus, den Pelikanen beulte sich der Kropf vom Fahrtwind und die Kängurus hingen mit den Hinterbeinen über Bord, so dass ihre Vorderpfoten getreten wurden und sie sie später nie mehr zum Laufen benutzen konnten, sondern nur noch mit den Hinterbeinen sprangen. Aber was tat’s, sie waren gerettet!
Den Drachen packte schiere Furcht, das Einhorn zitterte und stieß klagende Laute aus.
Sie wateten ein Stück dem Boot hinterher, doch bald blieben sie stehen. Der Regen fiel von Minute zu Minute stärker, die Wolken senkten sich tiefer, und die Arche entschwand immer schneller ihren Blicken.
Von einem Hügel aus sahen sie ihr hinterher, bis sie nur noch ein Punkt am Horizont war. Hinter ihnen, im Tal, ertranken die Saurier. Träge und faul hatten sie sich bis zuletzt nicht um Noah geschert.
Das kleine Einhorn klagte laut und bot einen traurigen Anblick, ganz nass und verloren auf dem Rücken des Drachens, hoch oben auf dem Hügel.
Da ertrank auch der Drache. Sein bunter Stufenschwanz durchfurchte verzweifelt das Wasser, aber seine Zauberkraft ertrank mit ihm. Das kleine, weiße Einhorn wurde in den Sog des versinkenden Drachens gezogen. Nur ein paar Sekunden lang drehte sich noch das gezwirbelte Horn im Sog.
Und von da an waren die Vorzeiten wirklich grau.
Dienstag, 14. Juni 2011
Mittwoch, 29. Dezember 2010
SO EIN MENSCH
„Püppi, möchtest du nicht zu mir ziehen? Einen Mann werden wir für dich schon finden und eine Stelle auch. Vielleicht nicht hier, aber sicher in Stade oder Hamburg.“ Dann schwieg er. Ich zögerte einen Moment – er wartete. Und ich lehnte ab:
„Bitte, Papa. Ich hab doch einen Freund und eine sehr gute Arbeit.“
Ich legte auf und merkte, dass ich unsicher wurde. War seine Stimme nicht leiser als sonst? Schwächer? Aber zu ihm ziehen, in dieses Dorf auf dem platten Land? Wie stellte er sich das vor? Und dann dieser Begriff Stelle. Dazu kam auch immer eine Stube, wenn er mir in seinem Haus ein Dach über dem Kopf anbot. Wozu hatte ich studiert? Sollte ich mich wieder kleinmachen?
Meine Eltern lebten getrennt, meine Mutter und ich in Berlin und mein Vater in Osten an der Oste. Das O von Osten ganz lang gezogen. Ein hübscher kleiner Ort, direkt hinter dem Ostedeich, zwei Stunden von Hamburg aus, Richtung Cuxhaven. Gut für einen Wochenendausflug an die Nordsee, vielleicht eine Fahrradtour am Deich entlang. Leben wollte ich dort nicht. Am nächsten Tag rief meine Mutter an und sagte, dass Vater einen Schlaganfall gehabt hätte. Er war auf dem Deichweg zusammengebrochen und lag nun im Stader Krankenhaus. In nur wenigen Stunden hatte ich meinen Unterricht abgesagt, eine Vertretung organisiert und war unterwegs Richtung Norden. Meine Mutter wollte nicht zu mir ins Auto steigen und würde den Zug nach Hamburg nehmen. Von West-Berlin bis nach Osten waren es sechs bis sieben Stunden Fahrtzeit, ein Teil der Strecke über die Transitstraßen durch die DDR. Hier galt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h. Ein gemächliches Tempo, bis auf die Momente, an denen ich dem bleihaltigen Auspuffgestank eines Trabbis durch Überholen entkommen wollte. Aber sonst: Musik hören, rauchen, meinen Gedanken nachhängen. Draußen flog die flache, märkische Landschaft vorbei.
Wir lebten in verschiedenen Welten, mein Vater und ich. Meine Mutter hatte es in meiner Kindheit nie gemocht, wenn ich Zeit mit Vater verbrachte. Sie war besorgt, dass er versuchen würde, mich für seine Religion zu gewinnen. So gab es nur einen Elternteil für meinen Bruder und mich in unserem Alltag: Mutter. An Feiertagen und Wochenenden war Vater zugegen, hielt Reden, las aus der Bibel vor oder zitierte sie auswendig. Aber habe ich ihn überhaupt richtig kennengelernt?
Er erkrankte an Polio als er elf Jahre alt war und hatte als viertes Kind eines Bahnschrankenhilfsanwärters in einem kleinen Dorf im Anhaltinischen keinerlei medizinische Betreuung. Ein Jahr lang lag er schreiend in seinem Bett, während sein linkes Bein abstarb. Es blieb für immer das schlaffe, leblose Bein eines Elfjährigen. Mein Großvater baute ihm ein Brett mit Rädern darunter, auf das er sich bäuchlings legen und mit den Händen abstoßen konnte. Als der 1. Weltkrieg vorbei war, lud sich Großvater seinen nun vierzehnjährigen Sohn auf den Rücken und schleppte ihn nach Berlin, zur Charité. Dort begann für meinen Vater ein neues Leben. Er bekam einen Gehapparat und durfte eine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker und Bandagisten machen. So ließ er sein Dorf im Anhaltinischen hinter sich und suchte sich seinen Platz in der großen Stadt. Seine Rettung in der Charité hatte ihn religiös werden lassen, aber nicht ganz freiwillig. Vielmehr hatte mein Großvater eindringlich erklärt, ihm würde nur geholfen werden, wenn er gottgläubig würde.
Und so kannte ich ihn: Er betete bei Tisch, und auch wir wurden dazu angehalten. Ein groß gewachsener Mann mit vollem Haar, einem buschigen Schnurrbart, gestützt auf einen Stock, Schnürstiefeln mit dicken Sohlen als Ausgleich für das zu kurze linke Bein und einem Gehapparat, der beim Hinsetzen und Aufstehen immer laut knackte. Er hatte eine schöne, tragende Stimme, und ich neigte dazu, vor mich hinzudösen, den Inhalt völlig auszublenden und mich nur von dieser Stimme einhüllen zu lassen. Ich glaube, ich hätte ihn lieben können, aber ich durfte nicht. Wenn ich mich falsch verhielt, sagte mir meine Mutter, ich sei wie mein Vater – rücksichtslos und laut! Eine Steigerung der Schmähung war der Vergleich mit meiner Großmutter väterlicherseits. So wurde meine Mutter zu meiner großen Liebe und nicht mein Vater. Auch sie war aus dem Anhaltinischen, und das hörte man: „Lauter Fikukjen und Sperenzien! Iss deine Bemme und sei ruhig.“ Ordentlich, vernünftig und ruhig sein waren ihre erzieherischen Vorgaben, Vater sagte dazu meist gar nichts. Nur bei der Demut waren sie sich einig. Wenn man das Haus meiner Kindheit betrat, prangte unübersehbar ihr Leitmotiv auf einem Birkenholzbrettchen im Korridor an der Wand: „Wie klein das ist, was einer ist, wenn man’s an seinem Dünkel misst“.
Vater war ein unruhiger Mensch, einer, der immer auf der Suche nach einem Zuhause war. So zogen wir alle paar Jahre um, und wir Kinder wechselten dann die Schule, verloren alle Freunde und begannen uns heimatlos zu fühlen. Seit einigen Jahren nun lebte er in Osten an der Oste. Ein schöner roter Backsteinbau auf dem Deich, eingebettet in den Ort, sowohl die Schwebefähre über die Oste, als auch die Kirche in Sichtnähe.
Ich fuhr Richtung Westen, der Sonne entgegen. Sie blendete mich. Bei Marienborn fuhr ich über die deutsch-deutsche Grenze, rollte langsam in das Niemandsland ein. Es war kaum möglich, die vorgeschriebenen zehn km/h einzuhalten. Plötzlich knallte es laut, die Windschutzscheibe riss in dünne Spinnenfäden! Ein Stein hatte sie getroffen. Was tut man in so einem Falle? Mit den Ferngläsern der Volkspolizei im Rücken fuhr ich betont langsam weiter. Auf der Westseite, in Helmstedt, konnte ich endlich anhalten. Schlug die Scheibe ganz raus und besorgte mir in der nächsten Tankstelle Klarsichtfolie, die ich über den Rahmen klebte. Dann eine Telefonzelle suchen und Werkstätten anrufen. Erst in Braunschweig fand ich eine, die mir zusagte, sie würden mir sofort eine neue Scheibe einsetzen können. Schritttempo bis Braunschweig, ungeduldiges Warten auf die Reparatur. Vater hatte auch einen Führerschein, obwohl er mit seinem Gehapparat die Pedale nicht bedienen konnte. Er hatte sich in unseren alten Opel eine Handschaltung für Gas, Bremse und Kupplung einbauen lassen.
Ich hatte Zeit verloren, drückte aufs Gas, erreichte die Bundestrasse 74, die bis nach Cuxhaven hochgeht. Viel befahren, eine lange Schlange ungeduldig hupender und drängelnder Autofahrer, vielleicht auf dem Heimweg von der Arbeit in Hamburg. Am Straßenrand wiederholt Holzkreuze für Verunglückte. Bei jedem Treffen mit Vater in Osten, oder auch mit seinem Bruder auf der anderen Seite des Flusses, in Hemmoor-Basbeck, wurde zu Kaffee und Kuchen aufgezählt wie viele, meist junge, Menschen wieder an einen Baum geprallt waren. „Das ist ein deftiger Schlag, die Familie deines Vaters“ würde meine Mutter dies kommentieren.
Ich fuhr an Stade vorbei, sah von der Straße aus das Krankenhaus, hoch oben, mit Blick zur Bundesstraße. Morgen würde ich ihn mit Mutter besuchen, gleich nach dem Abholen vom Basbecker Bahnhof. Durch Hemmor-Basbeck hindurch, dann über die breite Brücke nach Osten. Ich konnte das Haus schon sehen, und plötzlich fühlte es sich wie Zuhause an. In der unteren Etage wohnte Herr Hubert, Vaters Mieter. Er ließ mich herein, wir wechselten ein paar Worte: „Ihr Vater war auf dem Weg zum Mittagessen im Fährkrug, als er zusammenbrach. Ich habe den Notarzt gerufen.“ Vielen Dank auch. Ich ging nach oben, zog die Tür hinter mir zu, öffnete alle Fenster zur Oste hin und setzte mich erschöpft. In der Dämmerung strömte der Fluss langsam an unserem Haus vorbei, braun und still. Schlickhaltiger und mit Schilf bewachsener Uferrand. Er hat eine Tide und wechselt alle sechs Stunden die Richtung: Hin zur Nordsee und wieder zurück ins Land zur Quelle. Ich griff in das kleine Bücherregal neben dem Wohnzimmerfenster, konnte gerade noch die Buchtitel erkennen. Die Bibel, Atlanten, die „Religionen dieser Welt“, Bücher über Botanik. Ich sah ihn vor mir, wie er durch den Garten hinkte, eine Gießkanne in der Hand, sah im Haus meiner Kindheit den Topf mit den eingeweichten Eierschalen auf dem Fensterbrett in seinem Zimmer. Es stank, aber es war guter Dünger. „Komm Püppi, dünge doch bitte die Johannisbeerbüsche.“ Na danke, da verzog ich immer das Gesicht. Ich war ein Stadtmensch, ich hatte keine Zeit für einen Garten. Obst und Gemüse kaufte ich im Supermarkt.
Am nächsten Tag holte ich Mutter vom Bahnhof ab. Meine schöne, kleine Mutter. Sie ist immer das kleine Mädchen geblieben, das sie war, als ihre Mutter starb. Auch als erwachsene Frau, selbst bei den härtesten körperlichen Arbeiten, konnte ich das Kind in ihr spüren. Sie trug Rüschen an allen Kleidern und Schuhe mit hohen Absätzen, am liebsten knallrot. Hatte rabenschwarze, wilde Locken und grüne Augen. Ich kannte alle ihre Leidensgeschichten und habe sie mit ihr geteilt. Die Ehe mit meinem Vater erlebte sie als Qual, sie fühlte sich ausgenutzt und lieblos behandelt. Ich konnte daran nichts ändern, ihr nur meine Liebe geben.
Im Stader Krankhaus nahm ich dann endlich meinen Vater in den Arm. „Dass ihr da seid, ich bin so froh“ verstanden wir, das Sprechen fiel ihm schwer. Er wusste nicht, wo er war, konnte sich an nichts erinnern. Aber er schaute zum Fenster und sagte „Die Straße nach Berlin.“ Er hatte einen großen Bluterguss am Hals. Der Arzt erklärte uns, dass sie eine Gefäßdarstellung gemacht und einen Tumor im Kopf entdeckt hätten, viel zu groß, um ihn noch operieren zu können. Nun wussten wir, dass er es nicht überleben würde. Abends saßen Mutter und ich im Wohnzimmer und besprachen, was wir alles tun müssten. Es war meine erste Beerdigung und außer schwarzer Kleidung und einer Grabstelle fiel mir nichts ein. Aber dann wurde die Liste immer länger, und wir sammelten Adressen für Benachrichtigungen der Verwandten und Bekannten, entwarfen einen Text für eine Anzeige, trugen Stationen seines Lebens zusammen für die Grabrede, suchten nach Vaters persönlichen Papieren, blieben in Schubläden hängen: Was sind das für Tabletten? Hat er denn immer Schmerzen gehabt? Warum haben wir nicht bemerkt, dass er einen Tumor hatte? War er denn so vergesslich?
Am darauf folgenden Tag kam mein Bruder aus Frankfurt, ich holte ihn in Hamburg vom Flughafen ab. Im Krankenhaus standen wir drei nun an Vaters Bett. Er hatte seinen Sohn seit mehreren Jahren nicht gesehen, auch seine Enkelin kannte er nicht. Ach, Papa. Ich kämmte ihm die Haare und reinigte seine Fingernägel. Mutter und Bruder weinten, verließen das Zimmer. Und ich überwandt alle Scheu, die Hemmungen von jahrzehntelanger Abkehr von ihm und sagte „Papa, bitte werde wieder gesund, wir brauchen dich doch. Ich habe dich so lieb.“
Am nächsten Tag hatte er Fieber und wurde an einen Tropf gehängt. Nach einem weiteren Tag waren seine Augen weit aufgerissen, sein Mund blieb offen, und ein Arm stand starr in der Luft. Er starb, ohne dass ich bei ihm war. Ich kam fünf Minuten zu spät. Aber sein Sohn hielt seine Hand.
Aufbahrung in der Friedhofskapelle. Ein kahler, weißgetünchter Raum mit einem Fenster. Nur Platz für den offenen Sarg. Auf weißer Seide schlohweißes Haar. Atmete er nicht doch noch? Seine Haut war gelb, die Hände ineinander gefaltet, die Fingerkuppen blau, seine geschlossenen Augen tief eingesunken. Ich hatte gehofft, ihn so zu sehen, wie er noch vor wenigen Tagen ausgesehen hatte: sanft, weich, fast kindlich. Wo zeigte sich die letzte Ruhe? Er sah nur erschöpft aus. Draußen brauste der Wind laut, hier drinnen war es einsam und kalt, kalt bis in meine Knochen. Der kälteste und einsamste Ort, den ich je sah. Ich hielt mich an einem Gedicht fest: Man kann reiten und fahren, zu zwein und zu drein. Den letzten Weg muss man gehen allein.
Auf der Heimfahrt nach Berlin blieben meine Gedanken bei ihm. Er war mir vorangegangen, den Weg, den wir alle gingen. Würde er mich erwarten, wenn ich so weit wäre? War ich ihm ähnlich, würde ich ihm sogar immer ähnlicher werden, ohne mein Zutun? Häuser und Gärten lieben, einen grünen Daumen entwickeln? Der Gedanke tröstete mich. Auf einem Rastplatz hielt ich an, faltete unauffällig meine Hände. Bis ich Ruhe in mir fühlte. Ich war durch mein Leben ohne Vorbilder gegangen, hatte mir immer hier eine Erkenntnis, dort etwas Weisheit geholt. Bei Menschen und aus Büchern. Die besten Erkenntnisse aber waren die, die ich auf dem Wege der Erfahrung selbst gesammelt hatte. Sie waren es, die ich verinnerlicht hatte. Mein Vater hatte an Gott im Himmel geglaubt, aber ich wusste, dass wir alle ein winziges Stückchen Gott in uns trugen, so wie jeder Mensch immer seine Mutter und seinen Vater in sich trug und doch nicht ihr Abbild, sondern ein eigener Mensch war.
„Bitte, Papa. Ich hab doch einen Freund und eine sehr gute Arbeit.“
Ich legte auf und merkte, dass ich unsicher wurde. War seine Stimme nicht leiser als sonst? Schwächer? Aber zu ihm ziehen, in dieses Dorf auf dem platten Land? Wie stellte er sich das vor? Und dann dieser Begriff Stelle. Dazu kam auch immer eine Stube, wenn er mir in seinem Haus ein Dach über dem Kopf anbot. Wozu hatte ich studiert? Sollte ich mich wieder kleinmachen?
Meine Eltern lebten getrennt, meine Mutter und ich in Berlin und mein Vater in Osten an der Oste. Das O von Osten ganz lang gezogen. Ein hübscher kleiner Ort, direkt hinter dem Ostedeich, zwei Stunden von Hamburg aus, Richtung Cuxhaven. Gut für einen Wochenendausflug an die Nordsee, vielleicht eine Fahrradtour am Deich entlang. Leben wollte ich dort nicht. Am nächsten Tag rief meine Mutter an und sagte, dass Vater einen Schlaganfall gehabt hätte. Er war auf dem Deichweg zusammengebrochen und lag nun im Stader Krankenhaus. In nur wenigen Stunden hatte ich meinen Unterricht abgesagt, eine Vertretung organisiert und war unterwegs Richtung Norden. Meine Mutter wollte nicht zu mir ins Auto steigen und würde den Zug nach Hamburg nehmen. Von West-Berlin bis nach Osten waren es sechs bis sieben Stunden Fahrtzeit, ein Teil der Strecke über die Transitstraßen durch die DDR. Hier galt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h. Ein gemächliches Tempo, bis auf die Momente, an denen ich dem bleihaltigen Auspuffgestank eines Trabbis durch Überholen entkommen wollte. Aber sonst: Musik hören, rauchen, meinen Gedanken nachhängen. Draußen flog die flache, märkische Landschaft vorbei.
Wir lebten in verschiedenen Welten, mein Vater und ich. Meine Mutter hatte es in meiner Kindheit nie gemocht, wenn ich Zeit mit Vater verbrachte. Sie war besorgt, dass er versuchen würde, mich für seine Religion zu gewinnen. So gab es nur einen Elternteil für meinen Bruder und mich in unserem Alltag: Mutter. An Feiertagen und Wochenenden war Vater zugegen, hielt Reden, las aus der Bibel vor oder zitierte sie auswendig. Aber habe ich ihn überhaupt richtig kennengelernt?
Er erkrankte an Polio als er elf Jahre alt war und hatte als viertes Kind eines Bahnschrankenhilfsanwärters in einem kleinen Dorf im Anhaltinischen keinerlei medizinische Betreuung. Ein Jahr lang lag er schreiend in seinem Bett, während sein linkes Bein abstarb. Es blieb für immer das schlaffe, leblose Bein eines Elfjährigen. Mein Großvater baute ihm ein Brett mit Rädern darunter, auf das er sich bäuchlings legen und mit den Händen abstoßen konnte. Als der 1. Weltkrieg vorbei war, lud sich Großvater seinen nun vierzehnjährigen Sohn auf den Rücken und schleppte ihn nach Berlin, zur Charité. Dort begann für meinen Vater ein neues Leben. Er bekam einen Gehapparat und durfte eine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker und Bandagisten machen. So ließ er sein Dorf im Anhaltinischen hinter sich und suchte sich seinen Platz in der großen Stadt. Seine Rettung in der Charité hatte ihn religiös werden lassen, aber nicht ganz freiwillig. Vielmehr hatte mein Großvater eindringlich erklärt, ihm würde nur geholfen werden, wenn er gottgläubig würde.
Und so kannte ich ihn: Er betete bei Tisch, und auch wir wurden dazu angehalten. Ein groß gewachsener Mann mit vollem Haar, einem buschigen Schnurrbart, gestützt auf einen Stock, Schnürstiefeln mit dicken Sohlen als Ausgleich für das zu kurze linke Bein und einem Gehapparat, der beim Hinsetzen und Aufstehen immer laut knackte. Er hatte eine schöne, tragende Stimme, und ich neigte dazu, vor mich hinzudösen, den Inhalt völlig auszublenden und mich nur von dieser Stimme einhüllen zu lassen. Ich glaube, ich hätte ihn lieben können, aber ich durfte nicht. Wenn ich mich falsch verhielt, sagte mir meine Mutter, ich sei wie mein Vater – rücksichtslos und laut! Eine Steigerung der Schmähung war der Vergleich mit meiner Großmutter väterlicherseits. So wurde meine Mutter zu meiner großen Liebe und nicht mein Vater. Auch sie war aus dem Anhaltinischen, und das hörte man: „Lauter Fikukjen und Sperenzien! Iss deine Bemme und sei ruhig.“ Ordentlich, vernünftig und ruhig sein waren ihre erzieherischen Vorgaben, Vater sagte dazu meist gar nichts. Nur bei der Demut waren sie sich einig. Wenn man das Haus meiner Kindheit betrat, prangte unübersehbar ihr Leitmotiv auf einem Birkenholzbrettchen im Korridor an der Wand: „Wie klein das ist, was einer ist, wenn man’s an seinem Dünkel misst“.
Vater war ein unruhiger Mensch, einer, der immer auf der Suche nach einem Zuhause war. So zogen wir alle paar Jahre um, und wir Kinder wechselten dann die Schule, verloren alle Freunde und begannen uns heimatlos zu fühlen. Seit einigen Jahren nun lebte er in Osten an der Oste. Ein schöner roter Backsteinbau auf dem Deich, eingebettet in den Ort, sowohl die Schwebefähre über die Oste, als auch die Kirche in Sichtnähe.
Ich fuhr Richtung Westen, der Sonne entgegen. Sie blendete mich. Bei Marienborn fuhr ich über die deutsch-deutsche Grenze, rollte langsam in das Niemandsland ein. Es war kaum möglich, die vorgeschriebenen zehn km/h einzuhalten. Plötzlich knallte es laut, die Windschutzscheibe riss in dünne Spinnenfäden! Ein Stein hatte sie getroffen. Was tut man in so einem Falle? Mit den Ferngläsern der Volkspolizei im Rücken fuhr ich betont langsam weiter. Auf der Westseite, in Helmstedt, konnte ich endlich anhalten. Schlug die Scheibe ganz raus und besorgte mir in der nächsten Tankstelle Klarsichtfolie, die ich über den Rahmen klebte. Dann eine Telefonzelle suchen und Werkstätten anrufen. Erst in Braunschweig fand ich eine, die mir zusagte, sie würden mir sofort eine neue Scheibe einsetzen können. Schritttempo bis Braunschweig, ungeduldiges Warten auf die Reparatur. Vater hatte auch einen Führerschein, obwohl er mit seinem Gehapparat die Pedale nicht bedienen konnte. Er hatte sich in unseren alten Opel eine Handschaltung für Gas, Bremse und Kupplung einbauen lassen.
Ich hatte Zeit verloren, drückte aufs Gas, erreichte die Bundestrasse 74, die bis nach Cuxhaven hochgeht. Viel befahren, eine lange Schlange ungeduldig hupender und drängelnder Autofahrer, vielleicht auf dem Heimweg von der Arbeit in Hamburg. Am Straßenrand wiederholt Holzkreuze für Verunglückte. Bei jedem Treffen mit Vater in Osten, oder auch mit seinem Bruder auf der anderen Seite des Flusses, in Hemmoor-Basbeck, wurde zu Kaffee und Kuchen aufgezählt wie viele, meist junge, Menschen wieder an einen Baum geprallt waren. „Das ist ein deftiger Schlag, die Familie deines Vaters“ würde meine Mutter dies kommentieren.
Ich fuhr an Stade vorbei, sah von der Straße aus das Krankenhaus, hoch oben, mit Blick zur Bundesstraße. Morgen würde ich ihn mit Mutter besuchen, gleich nach dem Abholen vom Basbecker Bahnhof. Durch Hemmor-Basbeck hindurch, dann über die breite Brücke nach Osten. Ich konnte das Haus schon sehen, und plötzlich fühlte es sich wie Zuhause an. In der unteren Etage wohnte Herr Hubert, Vaters Mieter. Er ließ mich herein, wir wechselten ein paar Worte: „Ihr Vater war auf dem Weg zum Mittagessen im Fährkrug, als er zusammenbrach. Ich habe den Notarzt gerufen.“ Vielen Dank auch. Ich ging nach oben, zog die Tür hinter mir zu, öffnete alle Fenster zur Oste hin und setzte mich erschöpft. In der Dämmerung strömte der Fluss langsam an unserem Haus vorbei, braun und still. Schlickhaltiger und mit Schilf bewachsener Uferrand. Er hat eine Tide und wechselt alle sechs Stunden die Richtung: Hin zur Nordsee und wieder zurück ins Land zur Quelle. Ich griff in das kleine Bücherregal neben dem Wohnzimmerfenster, konnte gerade noch die Buchtitel erkennen. Die Bibel, Atlanten, die „Religionen dieser Welt“, Bücher über Botanik. Ich sah ihn vor mir, wie er durch den Garten hinkte, eine Gießkanne in der Hand, sah im Haus meiner Kindheit den Topf mit den eingeweichten Eierschalen auf dem Fensterbrett in seinem Zimmer. Es stank, aber es war guter Dünger. „Komm Püppi, dünge doch bitte die Johannisbeerbüsche.“ Na danke, da verzog ich immer das Gesicht. Ich war ein Stadtmensch, ich hatte keine Zeit für einen Garten. Obst und Gemüse kaufte ich im Supermarkt.
Am nächsten Tag holte ich Mutter vom Bahnhof ab. Meine schöne, kleine Mutter. Sie ist immer das kleine Mädchen geblieben, das sie war, als ihre Mutter starb. Auch als erwachsene Frau, selbst bei den härtesten körperlichen Arbeiten, konnte ich das Kind in ihr spüren. Sie trug Rüschen an allen Kleidern und Schuhe mit hohen Absätzen, am liebsten knallrot. Hatte rabenschwarze, wilde Locken und grüne Augen. Ich kannte alle ihre Leidensgeschichten und habe sie mit ihr geteilt. Die Ehe mit meinem Vater erlebte sie als Qual, sie fühlte sich ausgenutzt und lieblos behandelt. Ich konnte daran nichts ändern, ihr nur meine Liebe geben.
Im Stader Krankhaus nahm ich dann endlich meinen Vater in den Arm. „Dass ihr da seid, ich bin so froh“ verstanden wir, das Sprechen fiel ihm schwer. Er wusste nicht, wo er war, konnte sich an nichts erinnern. Aber er schaute zum Fenster und sagte „Die Straße nach Berlin.“ Er hatte einen großen Bluterguss am Hals. Der Arzt erklärte uns, dass sie eine Gefäßdarstellung gemacht und einen Tumor im Kopf entdeckt hätten, viel zu groß, um ihn noch operieren zu können. Nun wussten wir, dass er es nicht überleben würde. Abends saßen Mutter und ich im Wohnzimmer und besprachen, was wir alles tun müssten. Es war meine erste Beerdigung und außer schwarzer Kleidung und einer Grabstelle fiel mir nichts ein. Aber dann wurde die Liste immer länger, und wir sammelten Adressen für Benachrichtigungen der Verwandten und Bekannten, entwarfen einen Text für eine Anzeige, trugen Stationen seines Lebens zusammen für die Grabrede, suchten nach Vaters persönlichen Papieren, blieben in Schubläden hängen: Was sind das für Tabletten? Hat er denn immer Schmerzen gehabt? Warum haben wir nicht bemerkt, dass er einen Tumor hatte? War er denn so vergesslich?
Am darauf folgenden Tag kam mein Bruder aus Frankfurt, ich holte ihn in Hamburg vom Flughafen ab. Im Krankenhaus standen wir drei nun an Vaters Bett. Er hatte seinen Sohn seit mehreren Jahren nicht gesehen, auch seine Enkelin kannte er nicht. Ach, Papa. Ich kämmte ihm die Haare und reinigte seine Fingernägel. Mutter und Bruder weinten, verließen das Zimmer. Und ich überwandt alle Scheu, die Hemmungen von jahrzehntelanger Abkehr von ihm und sagte „Papa, bitte werde wieder gesund, wir brauchen dich doch. Ich habe dich so lieb.“
Am nächsten Tag hatte er Fieber und wurde an einen Tropf gehängt. Nach einem weiteren Tag waren seine Augen weit aufgerissen, sein Mund blieb offen, und ein Arm stand starr in der Luft. Er starb, ohne dass ich bei ihm war. Ich kam fünf Minuten zu spät. Aber sein Sohn hielt seine Hand.
Aufbahrung in der Friedhofskapelle. Ein kahler, weißgetünchter Raum mit einem Fenster. Nur Platz für den offenen Sarg. Auf weißer Seide schlohweißes Haar. Atmete er nicht doch noch? Seine Haut war gelb, die Hände ineinander gefaltet, die Fingerkuppen blau, seine geschlossenen Augen tief eingesunken. Ich hatte gehofft, ihn so zu sehen, wie er noch vor wenigen Tagen ausgesehen hatte: sanft, weich, fast kindlich. Wo zeigte sich die letzte Ruhe? Er sah nur erschöpft aus. Draußen brauste der Wind laut, hier drinnen war es einsam und kalt, kalt bis in meine Knochen. Der kälteste und einsamste Ort, den ich je sah. Ich hielt mich an einem Gedicht fest: Man kann reiten und fahren, zu zwein und zu drein. Den letzten Weg muss man gehen allein.
Auf der Heimfahrt nach Berlin blieben meine Gedanken bei ihm. Er war mir vorangegangen, den Weg, den wir alle gingen. Würde er mich erwarten, wenn ich so weit wäre? War ich ihm ähnlich, würde ich ihm sogar immer ähnlicher werden, ohne mein Zutun? Häuser und Gärten lieben, einen grünen Daumen entwickeln? Der Gedanke tröstete mich. Auf einem Rastplatz hielt ich an, faltete unauffällig meine Hände. Bis ich Ruhe in mir fühlte. Ich war durch mein Leben ohne Vorbilder gegangen, hatte mir immer hier eine Erkenntnis, dort etwas Weisheit geholt. Bei Menschen und aus Büchern. Die besten Erkenntnisse aber waren die, die ich auf dem Wege der Erfahrung selbst gesammelt hatte. Sie waren es, die ich verinnerlicht hatte. Mein Vater hatte an Gott im Himmel geglaubt, aber ich wusste, dass wir alle ein winziges Stückchen Gott in uns trugen, so wie jeder Mensch immer seine Mutter und seinen Vater in sich trug und doch nicht ihr Abbild, sondern ein eigener Mensch war.
Freitag, 12. November 2010
ICH LESE, ICH HABE GELESEN
Bei meinen Buchbesprechungen beziehe ich mich gelegentlich auf den Begriff „Show, don’t tell“. Besonders gut vermittelte die Bedeutung dieses Begriffes Paul Schuster in seinen „39 Goldenen Regeln“. Deshalb stelle ich diese hier voran:
12 Zeigen
Zeigen Sie! Aber nicht auf sich selbst. Was Sie selber gesehen, gehört, gefühlt und gedacht haben, kann andere nur dann ansprechen (anzupfen), wenn Sie es für Ihren Zuhörer, Ihren Leser sichtbar, hörbar, fühlbar, denkbar machen.
13 Gefühle
Ein häufiger Irrtum besteht in der Vorstellung, man könne Gefühle beschreiben. Man kann sie nicht beschreiben, aber man kann sie übertragen, vermitteln, indem man die Umstände beschreibt, die sie ausgelöst haben, oder indem man sie über ein Bild ausdrückt.
1. Jenny Erpenbeck „Heimsuchung“, Eichborn Verlag
Jenny Erpenbeck ist für mich eines der größten literarischen Talente der modernen deutschen Literatur. Sie erzählt die Geschichte eines Hauses mit zwölf Lebensgeschichten durch alle Phasen Deutschlands. „Heimsuchung“ ist zwischen zwei Buchdeckeln ein Zuhause für die Sehnsucht nach einer Heimat und eine Suche, die schwer auf der Seele liegt. Ich habe dieses Buch nicht aus der Hand legen können, weil auch ich zu den Suchenden zähle, aber vor allem, weil ihre Sprache sich festsetzte, in meinem Ohr und in meinem Herzen. Einmal noch geht er die Treppe hinauf, sie knarrt bei der zweiten, siebenten und der vorletzten Stufe, geht am Zimmer seiner Frau vorüber, aus dem riecht es so, wie immer, nach Pfefferminz und nach Kampfer. Der Weg zu seinem Atelier führt durch das dämmrige Schrankzimmer, ein kleines Fenster hat er dort eingebaut, halbrund, vom Strohdach beschattet wie ein Auge, vor kurzem erst ist ihm an diesem Fenster ein Marder erschienen...im Gebälk hört er die Marder scharren.
Ganz besonders habe ich den Prolog, über die Entstehung des Sees, an dem dieses Haus steht, geliebt. Jenny Erpenbecks Sprache ist wohl das, was man mit „Show don’t tell“ meint: der Leser sieht, hört, riecht und fühlt alles selbst, ohne dass die Autorin es einem in den Mund legt.
2. Sabine Bode „Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“
Ein Sachbuch, das mir in der Aufarbeitung meiner Biografie sehr geholfen hat.
Sabine Bodes Recherche legt den Fokus auf die Generation der zwischen 1930 und 1945 geborenen Deutschen. In ihrem Vorwart sagt sie „Es dauerte eine ganze Weile, bis ich begriff, dass es sich bei den Jahrgängen von 1930 bis 1945 in Wahrheit um mehrere Generationen handelt. Denn es macht einen großen Unterschied, in welchem Alter ein Kind diesem Krieg ausgeliefert war: ob als Säugling, als Kleinkind oder vor oder nach der Pubertät.“ Millionen von Deutschen haben noch den Bombenkrieg, die Vertreibung und den Verlust der Väter in ihrer Erinnerung. Da ich das aber nicht mehr direkt erlebt habe, wurde ich erst fündig, als es um die Erziehungsmethoden im 3. Reich ging. Und somit öffnete mir das Kapitel „Nazi-Erziehung: Hitlers willige Mütter“ die Augen. Die Erziehungsmethoden einer gewissen Johanna Haarer hatten nicht nur in den 30er und 40er Jahren Kinder verbogen, sondern noch viele Jahrzehnte danach. Erst mit der 68er Generation wurde erneut darüber nachgedacht, dass es keine „Affenliebe“ ist, wenn man einen Säugling nicht schreien lassen will, wenn man ihm nicht „seinen Willen brechen will“, wenn es außer Sauberkeit und Ruhe noch andere Ziele in der Erziehung gibt. Ich habe viele Mütter wiedererkannt, die die Liebesunfähigkeit ihres Kindes verursachten, die ihre Kinder nicht wirklich „riechen“ konnten. Und habe so nachträglich erkannt, dass der Faschismus im ganz Kleinen seinen Ursprung nimmt und dass er sich noch Jahrzehnte lang in unseren deutschen Köpfen gehalten hat.
3. Michel Friedman „Kaddisch vor Morgengrauen“, Aufbau Verlag
Da ich an einem Roman über eine jüdische Familie arbeite, war es nur folgerichtig, dass ich mir auch dieses Buch kaufte. Ich glaubte den Autor aus dem Fernsehen zu kennen, wo er ein häufiger Gast bei Talkshows ist. Wie immer er sich dort präsentiert, dieses Buch hier zeigt einen anderen Michel Friedman. Ich gehe davon aus, dass ein Großteil dieses „Romans“ autobiografisch ist. Julien, der Hauptprotagonist, erzählt seinem kleinen Sohn von dessen Großeltern und von dem Leben seines Vaters. Er schreibt leidenschaftlich und liebevoll, ohne dabei kitschig zu werden. Seine Sprache ist knapp, aber bildhaft, mit vielen inneren Monologen. Auch dieses Buch konnte ich nicht zur Seite legen, weil es mich wie in einen Sog zog. Der Grund dafür ist dieser ununterbrochene Erzählstrom, diese Erzählstimme in der Ichform. Sie ist überzeugend und fesselnd. Als ich Wochen später diese kleine Kritik schreiben wollte, konnte ich mich allerdings nur noch an die eigentliche Kernsequenz, die Totenwache, das Kaddisch, erinnern. Was bis heute aber haften blieb, ist das Bild von Michel Friedman selbst, so wie er sich in diesem Roman darstellt. Im gewissen Sinn ist dies das genaue Gegenteil zu Jenny Erpenbeck, die durch ihre Bücher nur wenig durchschimmert. Dafür glaube ich einen literarischen Grund gefunden zu haben: So wie Jenny Erpenbeck „Show don’t tell“ schreibt, schreibt Michel Friedman hauptsächlich „Tell don’t show“. Die Kaddisch-Sequenz aber ist so geschrieben, dass hier der Icherzähler nicht von seinen Gefühle erzählt, sondern man sie als Leser selbst ableiten kann. Aber der große Bogen dieses Romans wird erzählt. Und das macht der Autor gut. So gut, dass er eigentlich auch Schriftsteller werden könnte. Dann allerdings würde ihm eine große Prise „Show don’t tell“ gut tun.
4. Ferdinand von Schirach „Schuld“, Verlag Piper
Ferdinand von Schirach arbeitet als Anwalt und Strafverteidiger in Berlin.
Fünfzehn Geschichten über Schuld, Leid und Strafverfolgung werden literarisch entwickelt und erzählt, mit dramatischen Wendepunkten und einem Plot. Letzteres wurde vom Leben geschrieben – nehme ich an. Gleich die erste Geschichte versetzte mir einen Schlag in den Magen. Die fröhliche Biederkeit der neun Männer einer Blaskapelle schlägt um in animalische Triebe und Frauenverachtung. Danach legte ich das Buch erst einmal beiseite. Die Geschichten sind kurz und eignen sich gut für das tägliche Lesen. Ich allerdings musste bei jeder Geschichte so schlucken, dass es für mich keine Bettlektüre wurde. Ich ziehe meinen Hut vor dem Autoren, aber weiß auch, dass er nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern zählen wird.
5. Herta Müller „Atemschaukel“
Der Literaturnobelpreis ging in 2009 an Herta Müller. Ich hatte noch nie etwas von ihr gehört. In den Printmedien wurden besonders ungewöhnliche Textpassagen abgedruckt, und ich fühlte mich nicht motiviert, dieses Buch zu kaufen. Doch eines Tages kaufe ich es doch und das Unerwartete geschah: Gleich der erste Satz nahm mich gefangen. Alles, was ich habe, trage ich bei mir. ..."Der Schweinslederkoffer war ein Grammophonkistchen. Der Staubmantel war vom Vater. Der städtische Mantel mit dem Samtbündchen am Hals vom Großvater- Die Pumphose von meinem Onkel Edwin."
Ein Siebzehnjähriger erzählt, wie er deportiert wird, zuerst noch erpicht darauf, endlich sein Zuhause verlassen zu können. In der ersten Person Einzahl beschreibt er alle Details der Deportation, der Zugfahrt, des Ankommens, des Hungers, der Arbeit, der Kälte. Alles, was eigentlich stumpfsinnig sein müsste, verschlinge ich beim Lesen! Zuerst knicke ich die Seiten, damit ich später besonders gute Formulierungen wieder finden kann, gebe das aber bald auf. Es gibt NUR atemberaubend poetische Formulierungen.
Wenn Herta Müller über den Hunger schreibt, zieht sich das über viele Seiten hin, und nie wird es langweilig. "Wenn ich nichts zum Kochen hatte, schlängelte mir der Rauch durch den Mund. Ich zog die Zunge einwärts und kaute leer. Ich aß Speichel mit Abendrauch und dachte an Bratwurst."
Sechs Seiten nur über ZEMENT. Hunger bietet sich natürlich schon poetisch an, aber Zement?
"Man musste sich in acht nehmen vor dem Zement, er konnte zum Alptraum werden. ... Der Zement ist ein Betrug wie Straßenstaub, Nebel und Rauch – er fliegt in der Luft, kriecht auf der Erde, klebt an der Haut. Überall ist er zu sehen und nirgends zu fassen. ... Der Zement frisst das Zahnfleisch wund. Wenn man den Mund öffnet, zerreißen die Lippen wie Zementsackpapier."
Eine atemberaubende Sprache, sowohl knapp als auch poetisch. Ich konnte dieses Buch nur häppchenweise lesen, weil ich jedes Wort einzeln inhalierte. Es ist kein Roman im üblichen Sinn, kein Buch das man in einem Stück durchliest. Eher eine Sprachkreation, bei der die Neologismen daherkommen wie ein raffiniertes Dessert. Etwas für Sprachgenießer.
6. Bernhard Schlink „Sommerlügen“, Diogenes Verlag
Mein augenblicklicher Lieblingsautor, einer, der mich tagelang begleiten kann.
Die kleinen, „schwermütig schönen Erzählungen“ (Klappentext) eignen sich gut für eine tägliche Leseportion. Was mir unter anderem besonders gut gefällt, ist die Perspektive des männlichen Erzählers, die mir die Ängste der Männer näher brachte. Einer der Protagonisten empfand sich z. B. „ als nicht besonders begehrensstark“, als eine Frau ihm zeigte, dass sie ihn begehrte – ein Wort und ein Gefühl, dass mich tagelang beschäftigte. Da war die Angst davor, die eigene Welt aufgeben zu müssen und dafür lieber auf die Liebe zu verzichten. Angst vor Auseinandersetzungen und Angst, die Freiheit zu verlieren. Viele dieser Ängste hat jede Frau schon bei geliebten Männern erlebt, aber hier werden sie alle nachvollziehbar erzählt, ohne dabei weinerlich zu werden. Besonders berührt hat mich u.a. diese Passage: Das Gefühl, dass ich einer Frau nicht widersprechen, ihr nichts abschlagen darf, dass ich ihr gegenüber aufmerksam und zuvorkommend sein, mit ihr flirten muss – ich denke, es hat mit meiner Mutter zu tun. Ich habe es immer, und ich verhalte mich automatisch so, ob mir die Frau gefällt oder nicht, ob ich was von ihr will oder nicht. Dadurch wecke ich Erwartungen, die ich nicht erfüllen kann; eine Weile versuche ich’s trotzdem, aber dann wird es mir zu viel, und ich stehle mich davon, oder die Frau wird es leid und zieht sich zurück. Das ist ein dummes Spiel, und ich sollte lernen, es zu lassen.
Die ersten beiden Geschichten, „Nachsaison“ und „Die Nacht in Baden-Baden“, waren meine Favoriten! Schlink schreibt sowohl „Show don’t tell“, wenn er in einzelne Szenen einsteigt, als auch „Tell“, wenn er über längere Passagen nur erzählt. Letzteres hat mich gelegentlich ermüdet. Gleichzeitig hat es mich ermutigt, endlich selbst zu meiner Erzählstimme zu finden und mich nicht immer nur von Szene zu Szene zu hangeln, um „Show don’t tell“ einzuhalten.
Montag, 25. Oktober 2010
Veröffentlichungen
Mein Text wurde aus einigen hundert Einsendungen mitausgewählt und erscheint nun, mit vielen anderen Geschichten, in der unten stehenden Anthologie unter meinem Namen Eva Tanner.SO EIN MENSCH
Die Auseinandersetzung mit Vorbildern...Anthologie zum ‚Dritten Brüggener Literaturherbst’
Ellen Roemer (Hg.)
Geest-Verlag 2010
978-3-86685-269-3
478 S., € 14,-
Die Bandbreite der Vorbilder reicht dabei von bekannten Theoretikern, Musikern, Literaten, Sportlern, engagierten Menschen über familiäre Vorbilder, bis hin zu Menschen, denen man zufällig begegnet ist. Es können Haltungen und Eigenschaften sein, die man selber erreichen will oder auch ablehnt und die sich in der jeweiligen Person verkörpern. Häufig steht die Vorbildperson aber auch für ein Vertrauen, das man gespürt hat, ohne deren Werte und Verhaltensweisen zu teilen. Jeder der Beiträge führt uns als Leser zur Frage nach eigenen Vorbildern und damit auch in die Diskussion über unsere grundlegenden Werte und zur Auseinandersetzung, ob wir selbst Vorbild sein können und wollen.
In zahlreichen Veranstaltungen des Brüggener Literaturherbstes vom 29.10. bis 20.11.10 werden die Texte erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Dienstag, 12. Oktober 2010
TREIBHOLZ
Eine kleine, akzentuierte Liebesgeschichte mit 140 Zeichen in jedem Absatz. Für Twitter im Oktober 2010 geschrieben.
Als Accent Aigu zum ersten Mal Accent Grave sah, erschrak er. Er glaubte, sein seitenverkehrtes Ich zu sehen.
Accent Aigu näherte sich vorsichtig Accent Grave. Es knisterte, als sie sich berührten.
Accent Aigu und Accent Grave lehnten sich aneinander und spürten, wie fest im Leben sie plötzlich standen. Sie waren ein Dach geworden: Ein Circonflexe.
Accent Aigu ging auf Reisen. Circonflexe kollabierte und Grave geriet ins Wanken.
Grave stand windumtost am Meer. Sie war so schräg wie herbstliches Treibholz.
Dann waren sie wieder unter Circonflexe vereint, nicht ohne Folgen.
Ganz klein und gekrümmt tauchte unter dem Dach, unter Aigus und Graves Balken, ein Cedille auf.
War dieses Cedille schon immer da gewesen, nur hatten sie es nicht gesehen? Wo schlängelte es hin, das Würmchen?
Cedille hing mal hier, mal da, sagte Mama und Papa und wurde dick und fett.
Dann wurde Cedille zu schwer für Circonflexe, und es verließ das heimatliche Dach. Es zog nach Spanien und änderte dort seinen Namen.
Grave und Aigu waren nun alt und schwach geworden. Es fiel ihnen schwer, ein Circonflexe zu bilden.
Als Grave nach hinten kippte, fiel Aigu auf die Nase. Der Wind pustete die beiden dünnen Aufstriche über den Strand. Sie wurden zu Treibholz.
Freitag, 8. Oktober 2010
ROSALIE SOLO - das Leben einer Seekuh
(Aquarell von Bettina Smith-Schroeder)
Sie steht im Wasser des alten Schiffgrabens. Bis zur Hälfte, damit man sieht, wie sie die Arme über der Brust verschränkt, als Zeichen ihrer nimmermüden, gütigen Geduld. Ihre Lider sind rosa, die Wimpern lang, und auf der Stirn trägt sie eine Korkenzieherlocke. Rosaliens Stolz und Sitz ihrer Keuschheit sind ihre hellblauen Achselhöhlen. Wenn die Sonne scheint trägt sie ein kleines, weißes Hütchen aus Tüll, je nach Belieben mit Feld- und Wiesenblumen geschmückt. So steht sie, ein mildes, frauliches Lächeln auf den Lippen und harrt ihrer Kunden. Diese stürmen in wüstem Gehabe heran. Rosalie strafft sich, entspannt ihre Gesichtszüge und empfängt sie. Sie wird getunkt und angebrüllt und doch ertrinkt sie nie. Man staucht sie, um sich abzureagieren, man erleichtert sein Gewissen, entlädt seinen Zorn bei ihr und flüstert ihr böse Geheimnisse ins Ohr. Gütig gönnt sie ihren Kunden Ohr und Rat. Das Wasser rinnt ihr dabei über die rosa Lider, und das Lächeln verschwindet nie von ihren Zügen.
Der hintere Teil des Schiffgrabens ist sumpfig und verwildert. Im Schlamm modern die Sünden und Geheimnisse der letzten Jahrzehnte. Hier entlädt Rosalie die Last der Beichte, stampft sie schnaubend durch den Schlamm, würgt sie die ihr anvertrauten Geheimnisse wieder raus. "Und dass du ja Dein Maul hältst!" äfft sie ihre Kunden nach. Dann schiebt sie sich wieder durch das Schilfdickicht, ein entspanntes Lächeln auf den Lippen.
Madame Solos Stellung ist einmalig und unantastbar. Ihr Rat gilt und man vertraut ihr.
Rosaliens Speiseplan ist exquisit aber handfest. Ihr Leib- und Magengericht sind Pfannkuchen. Dieser Leidenschaft frönt sie wann immer sie kann, obwohl sie nach ihrem Genus sichtbar in die Breite geht. Wenn es Abend wird zieht sich Madame Solo diskret in das Röhricht zurück, um sich einen Riesenhaarroller für die Stirnlocke einzudrehen. Sie ölt sich die seidigen Wimpern, und nach ihren abendlichen Meditationen im Scheine einer Kerze kippt sie nach hinten um, hält aber doch ihr Gleichgewicht. Nach einigem Hin- und Herruckeln legt sie sich auf den Rücken, die Hände über dem Bauch verschränkt, die langen Wimpern niedergeschlagen, die Füße, mit den drei Zehen, gerade aus dem Wasser ragend. So treibt sie auf ihrem Schiffgraben umher. Ist es windstill, findet man sie des morgens an der gleichen Stelle wie am Abend zuvor, weht der Wind leicht, treibt sie ab ins Röhricht, kommt Sturm, kreist sie unaufhörlich und Schwindel erregend auf dem Wasser.
Rosaliens Milde und Güte sind bekannt in allen Landen. Ihre abgelegten Strohhüte lässt sie stets dem städtischen Fond für unterdrückte und hilfsbedürftige Seekühe zukommen. Allerdings geht sie nie so weit, dass sie Kränzchen oder dergleichen gibt. Sie liebt ihre Mitmenschen und Mitkühe auf weltumarmende Weise, doch lieber aus der Ferne.
Ihr Reich umschließt den Garten mit dem Schiffgraben und auch den Hof mit der Teppichklopfstange. Hier kann sie mit ihren weichen, zarten Füßen über den Rasen gehen, und ihre drei Zehen finden noch Halt. Wenn sie zum Bäcker oder zum örtlichen Gasthof, der „Deutschen Eiche“ möchte, besteigt sie einen kleinen zweirädrigen Wagen, der lange von einem Schwein gezogen wurde. Genau genommen von einer Wildsau, einer Bache. Diese Bache war in jüngeren Jahren die Obersau des Ortes gewesen - sie hatte unzählige Frischlinge geworfen und in ihrer Freizeit sich dem Genus des kühlenden Schlamms im Schiffgraben hingegeben. Doch als das Alter nahte hatten die Wildsäue sie verstoßen und so war sie auf einen Broterwerb im Dienste der Seekuh angewiesen.
Doch Rosalie und Sau fielen verständlicherweise unangenehm auf, nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch die Nachbarn und Mitbewohner empörten sich. War es vertretbar sich von einem Schwein chauffieren zu lassen?
Es bedurfte monatelanger Geduld, bis man ihr anhand von sozialkritischen Büchern verständlich gemacht hatte, dass alle auf der Welt gleich wären, zumindest einige. Von da an war es nur noch ein Katzensprung zur Entlassung der Bache. Diese ihrerseits quittierte den
Vorgang mit dem Androhen von nächtlichen Rüsselattacken auf die Gärten. Seit dem findet so mancher Bürger morgens seinen Garten wie von Säuen durchpflügt.
Nun geschah es aber eines Tages, dass Rosalie sich in die Gefahr begab, ihre Betriebsgeheimnisse auszuplaudern und zwar, als sie sich sinnlos mit Zwetschgenwasser betrank. Nach ihrem freien Tag fand man sie weder im Schiffgraben, noch im Garten.
Hatte sie sich mit all den unseligen Kenntnissen der feuchten Beichtgeheimnisse davongemacht, sich etwa an die Ortspresse gewandt? Ihre Vertrauensstellung schamlos ausgenutzt, Verrat begangen? Endlich entdeckte man sie auf einem Hinterhof. Sie hatte sich auf die Hände fallen lassen, gab vor, ein vierbeiniges Tier zu sein, muhte grotesk und in falschen Tönen. Es roch stark nach Zwetschgenwasser, und Rosalie genierte sich nicht einmal den Kunden ihre hellblauen Achseln zu zeigen. Sogar beide. Sie baumelte an der Teppichklopfstange und bot ein schamloses Bild. Ihre sonntäglichen falschen Wimpern hatte sie kurzerhand an die Stange geklebt. Zu dem Gejohle und Gemuhe tanzte sie einen Tango. Heute wird ihr Blick ganz starr und leer, wenn man die Taktlosigkeit besitzt, sie an diese Entgleisung zu erinnern.
Nach diesem Ereignis fand man Rosalie viel damit beschäftigt in die Bibliothek zu fahren und dort unauffällig an den Buchrücken entlang zu schlendern, hin zu den Büchern der Moraltheologie. Man konnte sie oft zitierend über den Rasen gehen sehen, jederzeit bereit, graziös den Kopf zu neigen, wenn Nachbarn am Zaun entlangkamen, jederzeit bereit, ein paar Worte über das Wetter von sich zu geben. Vielleicht auch noch eine kleine Lebensweisheit, die sie aus ihren moralischen Büchern hatte. Sie verschwand nun öfter und tiefer im Röhricht, wo man sie bei den Kaulquappen schnauben und röhren hörte. Und die vertrauensbildenden Maßnahmen ließen die Kunden erleichtert ihre Dienste wieder in Anspruch nehmen. Vergessen war auch die Zeit, wo sie mit der Bache vor ihrem Arenawägelchen durch die Straßen geprescht war, sie anheizend und aufmöbeln laut geschrieen hatte: "Schneller, schneller!" Und vor allem vergessen die beschämende Szene an der Teppichklopfstange.
Rosalie war reifer und verständiger geworden. Das kam ihrer Arbeit zugute. Wo sie früher mürrisch Wasser ihren nächtlichen Kunden ins Gesicht gespritzt hatte, sollte es einer wagen, sie zu später Stunde zu belästigen, da setzte sie heute ein müdes Lächeln auf und hörte sich
geduldig die Klagen an. Nur durfte man sie von hinten, wenn sie schlief und auf dem Wasser trieb, nicht anschreien. Dann ging sie sang- und klanglos unter. Dies tat sie übrigens auch, wenn man sie persönlich beleidigte. Sie ging einfach unter und kam nicht mehr hoch. Bei klarem Wetter sah man sie dann auf dem Grunde des Schiffgrabens stehen, an das Röhricht gelehnt und an einem Grashalm nagend. Ihre Lungen waren kräftig und ihr Ärger berüchtigt. Nur Blasen, die hochstiegen, verrieten, dass sie vor sich hinredete. Wenn sie gebeugt und mit zerfurchter Stirn und den Händen auf dem Rücken den Schiffgraben entlang lief, dann war auch nicht gut Kirschen mit ihr essen. Sie brachte es dann fertig, hämisch einen falschen Rat zu geben, und bis spät in die Nacht konnte man ihr grölendes Gelächter hören, wenn sie sich vor Schadenfreude auf die Schenkel schlug, dass das Wasser hoch aufspritzte. Somit setzte sie der Läuterung Grenzen.
So hat Madame Solo doch nie ein Sterbenswörtchen über die ihr anvertrauten Klagen und Geheimnisse ausgeplaudert. Der von von ihr abgelegte Eid des Hippopotamus war ihr stets heilig geblieben. Bekanntlich ist dieser Eid nicht nur für Nilpferde sondern auch für Seekühe bindend. In all den vielen Jahren war sie verschwiegen gewesen, wie es nur eine Seekuh sein kann. Und so steht sie im Schiffgraben zu Sacrow, zur Hälfte im Wasser, Symbol kühischer Weisheit, Eleganz und Nützlichkeit, quasi unbezahlbar.
Donnerstag, 16. September 2010
Gedichte
Kreisgedicht:
Mein Netz,
gewebt aus Gelassenheit, Mut, Weisheit, Liebe, Nähe, Distanz, Zorn, Trauer, Beharrlichkeit, Geduld, Selbständigkeit, Ungehorsam, Freude, Unantastbarkeit. All dies behütet mich und ist
mein Netz.
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